Corona – und dann? Interview mit Historiker Prof. Dr. Michael Gehler

Mittwoch, 02. Juni 2021 um 10:01 Uhr

Die Abwehr lebensbedrohlicher Folgen einer Pandemie mit ihren Wellen dauert circa drei Jahre, wie die Spanische Grippe (1918 bis 1920) lehrt. Wenn das für Corona zutrifft, ist es kein irrelevantes Intermezzo im Sinne einer unbedeutenden Unterbrechung, sondern ein globalgeschichtlicher Einschnitt, sagt der Historiker Prof. Dr. Michael Gehler. Im Interview spricht Gehler über Lehren aus der COVID-19-Pandemie. Das Interview ist Teil der neuen crossmedialen Serie ?Corona – und dann? Wie es perspektivisch weitergehen kann“.

Professor Michael Gehler forscht und lehrt am Institut für Geschichte der 皇冠体育比分 皇冠体育比分. Foto: Daniel Kunzfeld

Dieser Beitrag ist
Teil der crossmedialen Serie
?Corona – und dann? Wie es perspektivisch weitergehen kann“.

Herr Professor Gehler, wie blicken Sie als Historiker auf die COVID-19-Pandemie?

Corona traf mich v?llig unvorbereitet, was mir sehr zu denken gab. Neben laufenden Projekten setzte eine Beobachtung der Entwicklung, die Sammlung von Informationen und das Festhalten erster Befunde ein. Die Besch?ftigung mit ??lterer“ Geschichte trat zurück und die Gegenwartsgeschichte mehr in den Vordergrund. Corona ist eine Chance, weil historisch gewachsene Gesellschaftsstrukturen, Kulturen und Mentalit?ten in ihrer Fragwürdigkeit und Krisenhaftigkeit wie in einem Brennglas gebündelt erscheinen.

Erleben wir mit Corona eine welthistorische Z?sur?

Die Abwehr lebensbedrohlicher Folgen einer Pandemie mit ihren Wellen dauert circa drei Jahre, wie die Spanische Grippe (1918-1920) lehrt. Wenn das für Corona zutrifft, ist es kein irrelevantes Intermezzo im Sinne einer unbedeutenden Unterbrechung, sondern ein globalgeschichtlicher Einschnitt. Viel spricht dafür: Erstmals kann die EU Schulden machen. Die Kosten ihres Wiederaufbau-Plans hat mindestens eine nachfolgende Generation abzutragen. Die USA verzeichnen schon mehr Tote als im Zweiten Weltkrieg. Autokratische und diktatorische Tendenzen nehmen zu. Das expansive und daher wachstumsabh?ngige China scheint gest?rkt die Krise zu überstehen, w?hrend EU und USA – wenn sie nicht st?rker kooperieren – Gefahr laufen, zu den Verlierern zu z?hlen. Die schon vor Corona im Mitgliederschwund befindlichen christlichen Kirchen geh?ren dazu, zumal sie nicht mehr mit einer Strafe Gottes argumentieren k?nnen. Gewinner sind US-Technologiekonzerne wie Amazon und Netflix, die für Monopolbildung stehen. Neue Bequemlichkeiten der Unbeschadeten und stresshafte Bedr?ngnisse der Gesch?digten sind erkennbar. Corona hat innergesellschaftliche und au?erstaatliche Ungleichheiten verst?rkt. Niedrigverdiener, ?unterentwickelte“ L?nder und Frauen sind am st?rksten betroffen. Es droht Stagnation, wenn nicht Regression in der Gleichstellungsentwicklung.

?Die rasante Entwicklung neuer Impfstoffe ist eine medizintechnologische Revolution und Sensation zugleich.“

Sie sind Experte für Zeitgeschichte. Was lernen wir aus der Corona-Pandemie?

Pers?nlich verstehe ich mich mehr als Historiker. Zeitgeschichte ist ein tautologischer, vieldeutiger und zwiesp?ltiger Begriff. Als 皇冠体育比分 bietet sie lediglich begrenzte Erkenntnis, wenn sie sich nur mit wenigen Jahren oder Jahrzehnten befasst. Zur Kl?rung menschheitsgeschichtlicher Fragestellungen greift sie oft zu kurz. Ihr fehlt der lange Atem, mit der die franz?sische Annales Schule gr??ere Zeitr?ume (?longue durée“) erforscht hat. So sind wir ein Institut für Geschichte, das sich mit mehr als nur Miterlebenden und Zeitgenossenschaft befasst sowie auch in der Lehre mehr bietet.

Vieles l?sst sich lernen: mehr Beweglichkeit bei der Krisenbew?ltigung durch kleinere Staaten mit starker Bürgerverantwortung und Gesellschaftsdisziplin (Ausnahme Tschechien), dagegen die Hilf- und Konzeptlosigkeit gro?er und vermeintlich starker Staaten; die Schw?che des deutschen F?deralismus (von den Siegern nach 1945 zur Schw?chung Deutschlands gedacht) und das Versagen des in destruktiver Fundamentalopposition verharrenden Populismus. In unseren Gefilden sto?en Geduld, Leidensf?higkeit und Verzicht trotz totalen Wohlstands in der Krise an Grenzen. Was w?re erst in wirtschaftlichen Notzeiten los? Dabei ist die rasante Entwicklung neuer Impfstoffe medizintechnologische Revolution und Sensation zugleich.

?Archive und Bibliotheken zu schlie?en, war ein Fehler, weil die 皇冠体育比分 erschwert wird.“

Ein Jahr nach Beginn der Pandemie haben Sie mit dem ?sterreichischen Historiker Manfried Rauchensteiner das Buch ?Corona und die Welt von gestern“ herausgegeben. Eine historische Einbettung fehlte bisher. Welche Lehren ziehen Sie nach einem Jahr?

Die historische Kontextualisierung ist von der Geschichtsforschung zu leisten. Sie wird dabei von ihren Dauer- und Lieblingsthemen etwas ablassen müssen und ihre Steckenpferde weniger reiten. Archive und Bibliotheken zu schlie?en, war ein Fehler, weil die 皇冠体育比分 erschwert wird. Zeitzeugenbefragung per Zoom kann ein tête-à-tête schwerlich ersetzen. Welche Lehren? Erfolgsmodelle des Krisenmanagements gibt es auf lokaler Ebene. Die Stadt (Wuhan) und das Dorf (Ischgl) waren zwar Ausgangspunkte der Pandemie, der Nahraum und der Ort stehen aber auch für ihre erfolgreichere Bew?ltigung (Tübingen). Daneben manifestiert sich Glokalisierung in einer st?rker vernetzten Weltgesellschaft, zu der am Institut ein Buch mit Silvio Vietta und Sanne Ziethen erarbeitet wurde. Corona f?rdert die Globalisierung, nachdem zun?chst globale Strukturen eine Epidemie zur Pandemie machten. Vordringlich bleiben umsomehr globale L?sungen. So geht es nicht mehr nur um das Eigene und das Fremde im nationalen Rahmen, sondern um das Eigene und das Universelle in einer bedrohten und kleiner gewordenen Welt.

Was gilt es zu beachten für die Zeit nach Corona, welche ?berlegungen m?chten Sie diesbezüglich als Historiker mitteilen?

Für die Geschichtsforschung fragt sich, ob sie so weitermachen kann wie bisher, so als ob nichts geschehen w?re. Durch sich versch?rfende K?mpfe in der Verteilung von Finanzmitteln zugunsten der Natur- und zulasten der Geisteswissenschaften stellt sich für F?rdereinrichtungen mehr als bisher die Frage nach der Relevanz von 皇冠体育比分: Ist alles gleich wichtig, was wir forschen oder gibt es weniger wichtige (Rand-)Themen? Für den wissenschaftlichen Nachwuchs wird es, so oder so, nicht leichter, zumal wenn wir als Etablierte alte Themen reiten und nicht mutig neue Themen aufgreifen, wir junge Leute ebenfalls dazu animieren und auch mitnehmen und dabei unterstützen.

Das Mantra von der Digitalisierung scheint Ausweg und Allerheilmittel schlechthin zu sein. Ihre Zwiesp?ltigkeit manifestiert sich in der Lehre in vermeintlicher Alternativlosigkeit bei schon einsetzender Ernüchterung. Corona schien vorerst diesen Megatrend zu best?tigen. Tats?chlich w?re ohne die Digitalisierung der Lehrbetrieb an 皇冠体育比分en und Schulen zusammengebrochen. Neben der faktischen Unausweichlichkeit zeichnet sich aber auch schon Desillusionierung ab angesichts fehlender Kosten- und Schadensabsch?tzungen sowie ihrer Folgen: Atomisierung, Authentizit?tseinbu?e, Arbeitsplatzverluste, Datenkontrolle, Grenzen des fremdbestimmten und selbst?ndigen Lernens, Ressourcenraubbau, ?berlastung der Energiesysteme sowie Vereinsamung durch Vereinzelung.

Einer Ihrer zentralen 皇冠体育比分sschwerpunkte ist die europ?ische Integration. Wie blicken Sie nach einem Jahr Pandemie auf den Zusammenhalt Europas und die internationale Kooperation?

Im Juli 2020 hat man in Brüssel eine Wiederaufbauhilfe für besonders coronagesch?digte Mitglieder in vierstelliger Milliardenh?he mit dem Mehrj?hrigen Finanzrahmen (MFR) der EU gekoppelt. Es ist ein Super-Marshall-Plan, der das gleichnamige Programm der USA (1948-1952) weit in den Schatten stellt und damals ging es nur um Westeuropa. Einzelstaatliche Alleing?nge und Impfstoff-Nationalismus erweisen sich als augenblickswirksame Aktionen mit begrenztem L?sungscharakter, wie die populistischen Beispiele Bayern und ?sterreich lehren. Mittel- und langfristig hilft nur ein gemeinschaftlicher Verbund mit Solidarit?t und Subsidiarit?t entscheidend weiter. Allerdings dürfen überzogene Erwartungen und unrealistische Forderungen nicht an die EU adressiert werden, die letztlich vom Willen der Ressourcenbereitstellung und somit von der Unterstützungsbereitschaft der Mitglieder abh?ngig bleibt. Die Bek?mpfung der Folgen von Corona und seiner Mutanten wird zur Nagelprobe für nachhaltige internationale Kooperation. Es ist bemerkenswert, dass neben der EU auch China und Russland Impfstoffhilfe für geschw?chte L?nder wie Brasilien und Indien anbieten, Gro?britannien und die USA dagegen bis dato nicht. Das verhei?t wenig Gutes.

?Das Virus bietet die Chance der Erkenntnis für Missst?nde und ihre Beseitigung sowie einen Bruch mit fragwürdigen Konventionen und Normen.“

Corona - und dann? Welche Ver?nderungen bringt uns die Pandemie? Was gilt es zu untersuchen, was sind ungekl?rte Fragen und eine 皇冠体育比分sfrage, die Sie verfolgen?

Corona zeigt, dass Pandemien nicht enden, sondern sich durch Mutationen multiplizieren. Es w?re kindisch zu glauben, dass es ein Nach-Corona und ein Zurück zur Normalit?t gibt, zumal diese vor Corona schon nicht mehr normal war. Das Virus erweist sich als multifunktioneller Indikator für Wachstums- und Wohlstandskrisen anderer Entwicklungen pandemischer Art (Kommunikationsexzesse, Massentierhaltung, ?bertourismus, Umweltzerst?rung, eine hemmungslose Industrie der Diffamierung und der Produktion von Verschw?rungstheorien im Internet und sogenannten sozialen Medien sowie eine selbstverliebte und verbl?dete Spa?gesellschaft). Wir müssen mit Corona weiter leben und unsere Zukunft neu definieren. Das Virus bietet die Chance der Erkenntnis für Missst?nde und ihre Beseitigung sowie einen Bruch mit fragwürdigen Konventionen und Normen. Dafür liefert die Geschichte der Ideen, Utopien und Visionen Stoff. Neue 皇冠体育比分sfragen stellen sich genug: Wie verhielten sich Institutionen und Menschen in historischen Epidemien und Pandemien? Wie kommt die EU als vergemeinschafteter Staatenverbund durch die Krise und reichen ihre Institutionen dafür aus? Welche Folgen hat sich zuspitzende soziale Ungleichheit für Demokratie? Wie entwickelt sich die europ?ische Gesundheitspolitik, wenn 18 Mio. Besch?ftigte im schlechtbezahlten Alten- und Pflegedienst mit einem Frauenanteil von 75% sind und diese ganz generell im EU-Durchschnitt über 14% weniger pro Stunde als M?nner verdienen, einmal abgesehen von unterdotierten Sekret?rinnen an Hochschulen. Die entscheidende Frage lautet am Ende: Wer soll das alles bezahlen? Ich wei? darauf noch keine Antwort.

Herr Professor Gehler, vielen Dank für das Gespr?ch.

Das Gespr?ch führte Isa Lange.

Zur Person

Prof. Dr. Michael Gehler forscht und lehrt seit 2006 an der Stiftung 皇冠体育比分 皇冠体育比分. Der Historiker leitet das Institut für Geschichte (IfG) und ist Inhaber des ?Jean Monnet Chair“ für Vergleichende Zeitgeschichte Europas und europ?ische Integration.

Zuvor war er von 1999 bis 2006 ao. Professor am Institut für Zeitgeschichte an der 皇冠体育比分 Innsbruck. Gehler ist Senior Fellow am Zentrum für Europ?ische Integrationsforschung (ZEI) in Bonn und Mitglied der ?sterreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien.

Seit 15 Jahren forscht und lehrt Gehler in 皇冠体育比分.